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Saison 2000

Die archäologische Ausgrabung der alten Premysliden-Verwaltungsburg Netolice konzentrierte sich im Jahr 2000 auf eine Sondierung im westlichen Bereich des Zentralteils des Burgstalls. An dieser Stelle wird im Rahmen des errichteten Archäoparks eins der frei rekonstruierten Objekte stehen – ein Wachtturm mit kurzem Schanzwerk-Abschnitt in Form einer Holzpalisade mit Steinvorsatz. Er wird an einer Geländekante des Hügels Na Jánu mit optimalem Ausblick auf die Stadt Netolice positioniert sein. Hier ist die Erhebung über das umgebende Gelände am höchsten und beträgt ungefähr 25–30 m. An der Stelle der Geländekante wurden zwei Schnitte, S1/2000 mit ca 11x3 m Ausmaß und S2/2000 mit ca 9x2,5 m Ausmaß angelegt. Die Schnitte wurden so verteilt, dass sie ein repräsentatives Bild der Geländeverhältnisse liefern können und den Charakter der Schichten, Mauern und anderer archäologischer Strukturen an der Stelle der geplanten architektonischen Rekonstruktion der Palisade und des Wachtturms glaubhaft abbilden.

Beide Schnitte enthüllten eine komplizierte Stratigraphie. Der archäologische Sachverhalt war in beiden Aushüben sehr ähnlich und es ist offensichtlich, dass man die resultierenden Feststellungen mehr oder weniger für den gesamten erforschten Teil des Burgstalls generalisieren kann. Unter einer Schicht rezenten Humuses befand sich eine Schichtenfolge neuzeitlicher Parkadaptationen, zu denen es im Lauf des 19. und 20. Jhdts. kam. An einigen Stellen sind diese Schichten relativ mächtig (stellenweise um 100 cm) und von den ungestörten mittelalterlichen Ablagerungen darunter schwer zu unterscheiden. Zum Material für diese Adaptationen wurden die ursprünglichen intakten Ablagerungen frühmittelalterlicher Herkunft, die in diesen verlagerten Sedimenten bis 95 % des gesamten Keramikmaterials bilden. Unter den neuzeitlichen oder verlagerten Ablagerungen befand sich ein Abschnitt einer mittelalterlichen Begräbnisstätte. Die Schnitte erfassten Bestattungen von mindestens 18 Personen, von denen ungefähr die Hälfte Erwachsene und die Hälfte Kinder waren. Die Verstorbenen waren in Reihen beigesetzt. Die Bestattungsgruben waren in einem Trümmerfeld so konstruiert, dass die Hinterbliebenen vor Allem durch das Sammeln großer Steine und ihrer Anordnung zu einem Rechteck eine Stelle für das Begräbnis schafften. Die Bestattungen sind verhältnismäßig nahe beieinander, was einen Platzmangel auf diesem Raum des Burgstalls signalisiert.

Vollkommen außergewöhnlich ist Grab 11/00. Unter einem mächtigen steinernen Grabstein war hier ein größeres Kind bestattet, das mit 7 S-förmigen Bronze-Hinterohrringen (??) ausgestattet war, deren Vorkommens-Schwerpunkt irgendwo in die jüngere Burgstallzeit fällt (10.–12. Jhdt.). Der steinerne Grabstein und die Tatsache, dass unter ihm ein Kind bestattet war, noch dazu mit einer pompösen Hinterohrring-Sammlung ausgestattet, zeugt von einem besonderen Status des bestatteten Kindes, das offenbar der höheren sozialen Schicht der Netolicer Burg angehört hatte. Die chronologische Situation von Grab 11/00 kann man als untere Grenze des Intervalls der chronologischen Position der Gräber verstehen. Insgesamt kann man folgern, dass die Bestattungen während des Hochmitttelalters stattgefunden hatten, die zeitliche Mitte der Bestattungstätigkeit kann man mit einer gewissen Portion Vorsicht in das Ende des Frühmittelalters legen, d. h. ins 13.–14. Jhdt. Das Ende der Bestattungen lässt sich nicht näher bestimmen. Es ist nämlich nicht ausgeschlossen, dass die hiesige Fläche noch in der Zeit vor der Auflösung der St.-Johannes-Kirche 1788 zu Begräbniszwecken genutzt wurde.

Dasr wichtigste Ensemble archäologischer Erkenntnisse von bauhistorischem Charakter wurde in beiden Schnitten in den tiefsten stratigraphischen Lagen gewonnen. Es handelt sich um die Identifizierung des frühmittelalterlichen Schanzwerks der Burg Netolice und des unmittelbar anschließenden Raums innerhalb ihres Areales. Stratigraphisch und baulich komplexer war in dieser Hinsicht die Situation in Schnitt S1, wo sogar zwei Phasen des Befestigungssystems erfasst wurden. Die älteste äußere Befestigungsmauer wurde von einer trockenen Bruchstein-Mauer gebildet. Die beideitig gefluchtete Mauer hat eine erhaltene Breite von 160 cm und war direkt auf dem Fels- Untergrund errichtet. Die jüngere Schanzmauer war schon auf Kommunikations- und Destruktionsschichten anthropischer Herkunft errichtet. Mit dieser Phase hängt auch Schicht 1018 zusammen, ein Kommunikationshorizont mit einer Eichenbohle, einer Art Gehweg am Inneren des jüngeren Schanzenteils. Die senkrechte Orientierung dieser Schichten, einschließlich der Zwischenwall-Verfüllung 1025, zeugt von der Tatsache, dass hier noch in der Zeit der vollen Funktion der älteren Schanzmauer Schichten abgelagert wurden.

Eine ähnliche Situation enthüllte Schnitt S2. Hier wurde nur eine Phase des Schanzwerks erfasst, die der älteren Schanzenphase in Schnitt S1völlig entspricht. Auf dem Rücken der Schanzmauer wurden zwei in den Felsuntergrund gehauene Rinnen registriert. Eine eigenständige Frage ist die Datierung des in den beiden Schnitten festgehaltenen Schanzmauer-Systems. In dieser Grabungsphase wurde noch keine komplexe Analyse der gefundenen Gegenstände durchgeführt, und darum sind die bisherigen Schlussfolgerungen als in Arbeit und vorläufig zu verstehen. Die ältesten Schichten lassen sich nach der Keramik ungefähr ins 10. Jhdt. datieren. In diese Zeit können wir auch die Entstehung der Schanzmauer legen.

Das hauptsächliche archäologische Material aus der Ausgrabung sind Scherben von Keramikgefäßen. Vor allem wurden Fragmente von topfförmigen Gefäßen und Vorratsgefäßen gefunden. Ein nicht zu vernachlässigender Bestandteil der Fundgarnitur aus beiden Schnitten sind auch Metall- und andere Kleinfunde aller Art. Von der Ausstattung, dem Schmuck und der Kleidung der Bestatteten waren die häufigsten Funde sog. Ohrringe, kleine ringförmige Bronze- oder Kupferverzierungen, die immer um Schläfen und Nacken des Verstorbenen lagen. Erwähnenswert sind auch einige bearbeitete und verzierte Knochenobjekte.

Der Satz aus ca. 18 unkompletten menschlichen Skeletten bringt interessantes antropologisches Material. Ein wichtiges Element der Ausgrabung war die Gewinnung einer repräsentativen Menge an Tierknochen von Haus- und erjagten Tieren. Den Charakter der natürlichen Umgebung kann man anhand einer relativ großen Sammlung an Kohle verfolgen, den Resten von Feuer- und wohl auch Bauholz, wobei Eichenholz dominiert. Vertreten ist auch ein seltener Roteiben-Fund.

Die Ergebnisse der Ausgrabung, die die Entstehung und die Funktionsdauer des Netolicer Burgstalls betrifft, können wir in den folgenden Punkten zusammenfassen:

 

1. Das Keramikmaterial aus den ältesten Schichten deutet an, dass die erste Siedlungstätigkeit an der sondierten Stelle erst im Lauf des 10. Jhdts. zum Vorschein kommt. Damit behaupten wir nicht, dass nicht auch weiterhin ältere Schichten zu erwarten sind, man kann jedoch bereits jetzt relativ zuverlässig angeben, dass sie an dem von uns beobachteten Platz nicht auftreten. Die Sondierung von 2000 bestätigt, dass es sich um einen Burgstall aus der Zeit der Premyslidischen Expansion nach Südböhmen handelt.

 

2. Schon zu Beginn ihrer Existenz hatte die Burg ein massives Schanzwerk, dessen Fundament aus flachen Bruchsteinen errichtet war. Wir haben gute Belege für die Mehrphasigkeit der Schanze, was davon zeugt, dass dieser Abschnitt des Schanzwerks mindestens einmal repariert und befestigt worden war.

 

3. Die mächtigste Schichtenfolge in den mittleren Strata beider Schnitte enthält sehr reichhaltiges Keramikmaterial aus dem 12. und 13. Jhdt. Das beweist, dass die Hauptblütezeit gerade diese Periode war. Die intensive Siedlungstätigkeit im Burgstall zu dieser Zeit ist auch durch bestehende schriftliche Urkunden nachgewiesen.

 

4. Offenbar bereits zur Zeit der Existenz des Burgstalls fanden in dem von uns beobachteten Abschnitt Beisetzungen statt. Grab 11/00, spätestens in die Wende des 12. zum 13. Jhdt. datiert, könnte von einer aussergewöhnlichen Bestattung der Übereste eines Kindes aus einer hochrangigen Familie zeugen und kann auch indirekt die Zeit der Anfänge der St.-Johannes-Kirche andeuten. Nach der Beendigung der Verwaltungs- und offenbar auch der Wohnfunktion des Burgstalls in der 2. Hälfte des 13. Jhdts. wurde die Bestattungstätigkeit an diesem Ort fortgesetzt. Sehr beachtenswert ist die Tatsache, dass dort, wo bereits eine bedeutende Kinderbeisetzung war, die Bestattung der meisten Kinder auch weiterhin fortgesetzt wurde.

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